Lohmann-Ruchti-Effekt

Lohmann-Ruchti-Effekt Definition

Der Lohmann-Ruchti-Effekt bezeichnet den Kapazitätserweiterungseffekt (die Erweiterung der Kapazität, z.B. der Anzahl der Produktionsmaschinen), wenn aus den Abschreibungen gewonnene finanzielle Mittel in neue Investitionsgüter (Kapazitäten) reinvestiert werden.

Der Lohmann-Ruchti-Effekt beschreibt einen speziellen Effekt der Finanzierung aus Abschreibungen.

Der Kapazitätserweiterungseffekt lässt sich mit einer Formel, dem Kapazitätserweiterungsfaktor, berechnen.

Unterschied zur Kapitalfreisetzung

Werden die über die Produktverkäufe des Unternehmens (durch Einrechnung der Abschreibungen als Kostenbestandteil in die Verkaufspreise) erzielten finanziellen Mittel nicht für Neuinvestitionen genutzt, liegt lediglich eine Kapitalfreisetzung vor.

Lohmann-Ruchti-Effekt Beispiel

Der Lohmann-Ruchti-Effekt (Kapazitätserweiterungseffekt) bzw. seine Berechnung sollen an einem Beispiel dargestellt werden.

Beispiel: Lohmann-Ruchti-Effekt Berechnung

Ein Unternehmen der Mietwagenbranche wird zum 1. Januar 2010 gegründet.

Anfänglich umfasst der Bestand 10 PKW im Wert von jeweils 50.000 Euro. Die Finanzierung des Anlagevermögens in der Gesamthöhe von 500.000 Euro erfolgt zu 40 % mit Eigenkapital in Höhe von 200.000 Euro sowie zu 60 % durch ein Bankdarlehen in Höhe von 300.000 Euro.

Angenommen, das Unternehmen erzielt in 2010 einen Gewinn in Höhe von 50.000 Euro, der sich wie folgt ergibt: Umsatzerlöse in Höhe von 175.000 Euro abzgl. linearer Abschreibungen in Höhe von 125.000 Euro (Anlagevermögen 500.000 Euro / 4 Jahre Nutzungsdauer). Sonstige Kosten und Steuern seien hier vernachlässigt.

Da die Abschreibungen nicht auszahlungswirksam sind, fließen dem Unternehmen 175.000 Euro zu. Davon stammen 125.000 Euro aus den nicht auszahlungswirksamen Abschreibungen. Dieser Betrag könnte in neue PKW investiert werden. Die Entwicklung stellt sich wie folgt dar:

Lohmann-Ruchti-Effekt Tabelle

 

PKW (Stück)

Beträge (€)

 

Jahresanfang

Zugang

(Jahresende)

Abgang

(Jahresende)

Abschreibungen

reinvestiert

Restbetrag

2010

10

2

125.000 €

100.000 €

25.000 €

2011

12

3

150.000 €

150.000 €

25.000 €

2012

15

4

187.500 €

200.000 €

12.500 €

2013

19

5

10

237.500 €

250.000 €

0 €

2014

14

3

2

175.000 €

150.000 €

25.000 €

2015

15

4

3

187.500 €

200.000 €

12.500 €

2016

16

4

4

200.000 €

200.000 €

12.500 €

2017

16

4

5

200.000 €

200.000 €

12.500 €

2018

15

4

3

187.500 €

200.000 €

0 €

2019

16

Lohmann-Ruchti-Effekt Erklärung:

Im Jahr 2010 beginnt das Unternehmen mit 10 PKW. Die Abschreibungen für die 10 PKW mit Anschaffungskosten von jeweils 50.000 Euro betragen bei einer unterstellten 4-jährigen Nutzungsdauer jeweils 12.500 Euro je PKW, d.h. in Summe für die 10 PKW 125.000 Euro.

Aus dem durch die Abschreibungen freigesetzten Kapital können 2 neue, zusätzliche PKW (Spalte „Zugang Jahresende“) im Wert von je 50.000 Euro, d.h. in Summe 100.000 Euro, angeschafft werden (Kapazitätserweiterung um 2 PKW, Lohmann-Ruchti-Effekt). 25.000 Euro müssen „vorgetragen“ werden (Spalte "Restbetrag"), da der Betrag nicht ausreicht, einen weiteren PKW zu erwerben.

Im Jahr 2011 beginnt das Unternehmen somit mit 12 PKW. Die Abschreibung in 2011 beträgt nunmehr 12 × 12.500 Euro = 150.000 Euro. Darüber hinaus sind noch 25.000 Euro aus 2010 „übrig“ (Vortrag aus 2010). In Summe stünden also 175.000 Euro zur Verfügung, davon können wiederum 3 PKW im Gesamtwert von 150.000 Euro erworben werden.

In den Folgejahren setzt sich diese Kapazitätserweiterung fort. Allerdings muss ab 2013 berücksichtigt werden, dass die PKW am Ende ihrer 4-jährigen Nutzungsdauer nunmehr den Bestand verlassen (Spalte „Abgang Jahresende“). Dadurch reduziert sich der PKW-Bestand, so dass der Lohmann-Ruchti-Effekt eine Begrenzung findet (siehe Kapazitätserweiterungsfaktor).

Kapazitätserweiterungseffekt berechnen

Der Kapazitätserweiterungsfaktor gibt das Ausmaß der Kapazitätserweiterung an.

Die Formel für den Kapazitätserweiterungsfaktor bei linearer Abschreibung lautet: 2 × [Nutzungsdauer] / (Nutzungsdauer + 1)]

Beispiel: Berechnung des Kapazitätserweiterungsfaktors

Im o.g. Beispiel beträgt der Kapazitätserweiterungsfaktor: 2 × [4 / (4 + 1)] = 2 × 4/5 = 8/5 = 1,6.

D.h. die Kapazität nimmt von der Ausgangssituation (Anfangsbestand: 10 PKW) aus betrachtet um 60 % auf 16 PKW zu, ohne dass zusätzliche Finanzierungsmaßnahmen in Anspruch genommen werden müssen.

Kritik am Lohmann-Ruchti-Effekt

Als Kritik am Lohmann-Ruchti-Effekt können folgende Punkte genannt werden:

  • der Abschreibungsverlauf entspricht nicht unbedingt dem tatsächlichen Werteverzehr (insbesondere wenn man die steuerrechtlichen Nutzungsdauern und Abschreibungsmethoden zugrunde legt).
  • die Kapazitätserweiterung ist nur dann sinnvoll, wenn die zusätzliche Kapazität auch benötigt wird bzw. die daraus resultierenden Produkte (im Beispiel: PKW-Vermietungsleistungen) auch auf dem Markt verkauft werden können.
  • eine erweiterte Kapazität geht oftmals auch mit steigender Kapitalbindung im Umlaufvermögen (z.B. erhöhte Vorratshaltung für Rohstoffe zur Befüllung von Anlagen bzw. Maschinen) und zusätzlichen Kosten (z.B. für mehr Personal) einher. Dies wird nicht berücksichtigt.
  • Kostensteigerungen (Inflation) der Investitionen werden im Grundmodell nicht berücksichtigt, die Wiederbeschaffungskosten werden konstant angenommen.
  • Ist das Investitionsobjekt (z.B. eine Maschine) Teil einer größeren Einheit (z.B. einer Fertigungsstraße), müssten auch die vor- und nachgelagerten Fertigungsstufen erweitert werden.